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Bibliographische Angaben zur Publikation

Anfallsleiden - Epilepsie


Sammelwerk / Reihe:

Teilhabe durch berufliche Rehabilitation


Autor/in:

Elsner, Heike


Herausgeber/in:

Bundesagentur für Arbeit (BA)


Quelle:

Nürnberg: Eigenverlag, Online-Ressource, 2004, Stand: April 2004


Jahr:

2004



Abstract:


An EPILEPSIE erkrankte Menschen sind, wenn keine zusätzlichen Behinderungen hinzu kommen, in der Regel nur durch die Symptome eingeschränkt, die während des Anfalls auftreten. Wenn die heute zur Verfügung stehenden Therapiemöglichkeiten umfassend genutzt werden und eine optimale Einstellung durch Medikamente erfolgt, können bis zu 80 Prozent aller an Epilepsie erkrankten Menschen zuverlässig anfallsfrei werden. Dann besitzen sie grundsätzlich die gleichen Möglichkeiten hinsichtlich der Berufswahl und Berufsausübung wie Gesunde. Gravierende Einschränkungen ergeben sich jedoch im Einzelfall bei einer Kombination mit anderen Behinderungen, bei einer nicht optimalen medikamentösen Behandlung, bei sozialen und seelischen Auswirkungen der familiären und schulischen Sozialisation oder bei nicht gelungener Verarbeitung der Erkrankung.

BESCHREIBUNG

Epilepsie und Gelegenheitsanfälle: Die typische Erscheinungsform einer Epilepsie ist der Anfall, ausgelöst durch eine Funktionsstörung des Gehirns (exzessive Entladung von Neuronen). Das Auftreten eines Anfalls oder einzelner Anfälle bedeutet jedoch noch nicht, dass der Betroffene an einer Epilepsie erkrankt ist. Bei etwa jedem 20. Menschen (fünf Prozent der Bevölkerung) kommt es einmal oder wenige Male im Laufe des Lebens zu einem epileptischen Anfall. Wenn eine auslösende Situation vorgelegen hat (zum Beispiel eine schwere Infektion, Alkoholentzug etc.) und sich Anfälle nicht unprovoziert wiederholen, spricht man nicht von Epilepsie, sondern von einer akuten epileptischen Reaktion oder von Gelegenheitsanfällen. Bei etwa einem Prozent der Bevölkerung kommt es aber auch spontan - ohne eine auslösende Situation - immer wieder zum Auftreten epileptischer Anfälle. Nur bei dieser Personengruppe liegt eine Epilepsie vor. Etwa 50 Prozent aller Epilepsien treten bereits vor dem 10. Lebensjahr auf, etwa zwei Drittel bis zum 20. Lebensjahr. Darüber hinaus können Epilepsien infolge von Erkrankungen oder Unfällen mit Gehirnschädigung in jedem Lebensalter erworben werden.

Einteilung der Epilepsieformen: Das Krankheitsbild der Epilepsie ist nicht einheitlich, je nach der zu Grunde liegenden Erkrankung, dem Anfallsursprung im Gehirn, den EEG-Befunden (Elektroenzephalographie), den auftretenden Anfallsformen und deren Verlauf werden die unterschiedlichen Erkrankungsformen in verschiedene epileptische Syndrome und Epilepsien unterteilt.

Das heute gebräuchlichste und beste Klassifikationsschema - nach dem Vorschlag der Internationalen Liga gegen Epilepsie - unterscheidet nach folgenden Gesichtspunkten:
- fokale (lokale, partielle) Epilepsien - die epileptische Aktivität geht von einem umschriebenen Ort im Gehirn aus, sie kann dort begrenzt bleiben oder sich auf weitere Hirngebiete ausbreiten;
- generalisierte Epilepsien - die epileptische Aktivität tritt vom Beginn des Anfalls an im gesamten Gehirn auf;
- gemischt generalisierte und fokale Epilepsien; idiopathische Epilepsien - auch unter Einsatz aller zur Verfügung stehenden Untersuchungsmöglichkeiten ist keine hirnorganische Ursache für die Epilepsie nachweisbar;
- symptomatische Epilepsien - eine Schädigung des Gehirns als Ursache für die Epilepsie ist nachweisbar;
- kryptogene Epilepsien - eine zu Grunde liegende Hirnschädigung wird auf Grund begleitender Behinderungen vermutet, kann aber (bisher) nicht nachgewiesen werden.

Außerdem wird immer die auftretende Anfallsform benannt, wobei der den meisten Menschen bekannte große Anfall (Grand mal) mit Bewusstlosigkeit, Sturz und Zuckungen bei Weitem nicht die häufigste Anfallsform ist. Wesentlich häufiger sind so genannte kleine Anfallsformen, zum Beispiel:
- Absencen mit einer Sekunden dauernden Bewusstseinspause ohne weitere Symptome,
- einfach fokale Anfälle mit motorischen oder sensiblen Symptomen, die ein Körperteil oder einzelne Körperteile betreffen und ohne Bewusstseinsstörung auftreten,
- oder komplex fokale Anfälle mit automatischen Bewegungen und mehr oder weniger eingeschränktem Bewusstsein.

Mögliche Begleiterscheinungen: Insbesondere bei fokalen Epilepsien finden sich nicht selten zusätzliche Störungen, die auf eine zu Grunde liegende Hirnschädigung zurück zu führen sind.

Hierzu gehören:
- motorische Störungen, etwa im Sinne einer spastischen Parese (Muskelschwäche) unterschiedlichen Ausmaßes;
- psychomotorische Störungen wie Störungen der Auge-Hand-Koordination;
- neuropsychologische Defizite, zum Beispiel Störungen der verbalen oder optischen Merkfähigkeit oder des Gedächtnisses;
- hirnorganische Psychosyndrome, zum Beispiel Schwächen in der Planungsfähigkeit oder affektiven Steuerungsfähigkeit.

Diese Störungen müssen, sofern sie vorhanden sind, berücksichtigt werden; sie dürfen aber keinesfalls allein auf Grund der Diagnose einer Epilepsie als gegeben angenommen werden. Insbesondere Personen mit generalisierten Epilepsien weisen solche Störungen in der Regel nicht auf.

Soziale und seelische Auswirkungen, Krankheitsverarbeitung: Für die meisten Familien bedeutet die Tatsache, ein epilepsiekrankes Kind zu haben, eine starke Belastung. Es kommt immer wieder zu familiären Krisen, zu ungünstigen Reaktionen auf die Behinderung im Sinne von allzu großen Einschränkungen, überbehütender oder überfordernder Erziehung, aber auch zu negativen Erfahrungen in Kindergarten, Schule oder in anderen sozialen Zusammenhängen. Zum Teil erleben epilepsiekranke Kinder und Jugendliche häufige Schulwechsel, Beziehungsabbrüche oder misslungene Ausbildungsversuche (Abbruch). Verhaltensstörungen und verzögerte Reifung sowie seelische Probleme unterschiedlicher Art können die Folge sein.

Bei Epilepsien, die im Erwachsenenalter beginnen, geht häufig ein körperlich und seelisch traumatisierendes Ereignis voraus (zum Beispiel schwerer Unfall, Schlaganfall, Gehirntumor). Die Betroffenen und ihre Familien stehen meist unvorbereitet einschneidenden Veränderungen in ihrem beruflichen und privaten Leben gegenüber. Der an Epilepsie Erkrankte sieht sich neben dem Verlust der eigenen körperlichen Unversehrtheit von Arbeitsplatz-, Einkommens- und Statusverlust, Einschränkungen der Mobilität und Leistungsfähigkeit, familiären Rollenkonflikten bis hin zum Zerbrechen der Familie bedroht. In Abhängigkeit von angebotenen beziehungsweise wahrgenommenen Hilfen und der eigenen Fähigkeit, die neue Situation angemessen zu verarbeiten können in der Folge seelische Störungen und Erkrankungen auftreten.

Unabhängig von der Art und Schwere der Epilepsie kann es deshalb zu folgenden Auswirkungen kommen:
- übermäßige Selbstunsicherheit, wenig Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, unrealistische Selbsteinschätzung;
- mangelnde Übung oder Verunsicherung im sozialen Umgang, geringe Ausprägung oder Verlust von eigener Entscheidungsfähigkeit, Unreife;
- Überbewertung von Krankheit, Psychosomatosen (Psychosomatische Erkrankungen), depressive oder ängstliche Symptome;
- Auflehnung gegen die Erkrankung, Bagatellisieren von Risiken, fehlende Krankheitseinsicht beziehungsweise Verleugnen der Erkrankung;
- Stimmungsschwankungen, geringe affektive Kontrolle.

Solche Störungen stellen zum Teil ein größeres Hindernis bei der beruflichen (Wieder-)Eingliederung dar als die Epilepsie selbst. Wie die hirnorganischen Störungen treten sie aber nicht grundsätzlich bei allen betroffenen Personen auf, und vor allem sind sie nicht als zwangsläufige Folge der Epilepsie (etwa im Sinne einer Wesensänderung) zu betrachten. Bei geeigneter Behandlung können die genannten Störungen gemindert oder abgebaut werden. Wesentlich sinnvoller erscheint es natürlich, durch geeignete, frühzeitig einsetzende Maßnahmen das Auftreten seelischer Störungen zu verhindern.

Qualität der medikamentösen Behandlung: Je nach Qualität der Behandlung kann auch die medikamentöse Therapie einer Epilepsie eine zusätzliche Behinderung nach sich ziehen. Bei einer angemessenen Behandlung sollten keine Einschränkungen durch die Medikamente auftreten, man kann aber nicht davon ausgehen, dass die Behandlung in jedem Falle optimal ist. Insbesondere bei Kombinationen mehrerer Medikamente oder bei besonders hoher Dosierung können folgende Störungen auftreten:
- Sehstörungen, Gleichgewichtsstörungen, Schwindel;
- Zittrigkeit, feinmotorische Störungen, Verlangsamung;
- Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Vergesslichkeit;
- Verhaltensstörungen, Reizbarkeit, Schlaflosigkeit, Depressivität;
- Appetitstörungen mit Gewichtsabnahme oder -zunahme, Übelkeit, Verdauungsstörungen.

Wenn Überdosierungserscheinungen oder Nebenwirkungen von Medikamenten selbst zur Behinderung werden, sollte die medikamentöse Behandlung in jedem Falle überprüft werden, bevor möglicherweise von einem sonst gut geeigneten Beruf abgeraten wird, das Scheitern in einer Berufsausbildung riskiert wird oder unnötige Umschulungsmaßnahmen eingeleitet werden.

Kombination mit anderen Behinderungen: Ist eine Epilepsie mit schweren anderen Behinderungen kombiniert (zum Beispiel erhebliche Körperbehinderung, geistige Behinderung oder psychische Behinderung), dann steht hinsichtlich der Berufswahl und beruflichen (Wieder-) Eingliederung in der Regel die Mehrfachbehinderung im Vordergrund und bestimmt den weiteren Entscheidungsprozess.

BERUFSWAHL/WAHL DER KÜNFTIGEN ARBEITSPLATZES

Einschätzung der tatsächlichen Leistungsfähigkeit: Die schulische Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Epilepsie verläuft häufig nicht optimal. Allzu oft werden epilepsiekranke Kinder an Schulen für Lernbehinderte/Förderschulen oder für körperbehinderte Menschen beschult, obwohl ihre intellektuellen Fähigkeiten nicht beeinträchtigt sind oder lediglich fest umschriebene Teilleistungsstörungen bestehen. Andererseits werden epilepsiekranke Kinder mit mehrfachen Beeinträchtigungen an allgemeinen Schulen auch aus falsch verstandenem Mitleid mitgezogen, obwohl sie den Anforderungen nicht gewachsen sind. Beides kann zu einer völlig falschen Selbsteinschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit und zu zusätzlichen Lernstörungen oder Lernunlust führen. Außerdem können längere Krankenhausaufenthalte oder eine gestörte Lernfähigkeit während medikamentöser Umstellungen zu Schulversäumnissen und scheinbarer Lernbehinderung führen.

Bei im Erwachsenenalter neu auftretenden Epilepsien werden oft voreilig pauschalisierte Urteile über die künftige berufliche Eignung ausgesprochen, Arbeitgeber zeigen sich wenig risikobereit und über die rechtliche Situation (Haft ungsfragen bei Anfällen, berufsgenossenschaftliche Regelungen) unzureichend informiert. Zusätzlich zu dem ohnehin schwierigen Krankheitsverarbeitungsprozess muss der erkrankte Mensch oder seine Angehörigen dann häufig nachweisen, dass er für den bisherigen Beruf weiterhin geeignet sei. Hierdurch kann zunehmende Mutlosigkeit entstehen mit der Folge eines verzögerten oder verminderten Rehabilitationserfolges, aber auch Verschweigen von tatsächlichen Einschränkungen aus Angst vor Arbeitsplatzverlust und damit Überforderung an dem gewählten Arbeitsplatz.

Dringend erforderlich wäre hier eine bessere Aufklärung von Eltern/Angehörigen, Lehrern/Ausbildern, Arbeitgebern und anderen Personen, die an der Auswahl der geeigneten Schulform, der geeigneten Ausbildungsstätte oder des geeigneten Arbeitsplatzes beteiligt sind. Mit einer besseren Einschätzung der tatsächlichen Leistungsfähigkeit eines epilepsiekranken Menschen könnten viele ungünstige Schul- und Ausbildungsverläufe, Misserfolge in der beruflichen Karriere und manche zusätzliche Behinderung vermieden werden.

Kriterien bei der Berufswahl und der beruflichen (Wieder-) Eingliederung: Bei der Berufswahl und beruflichen (Wieder-) Eingliederung müssen sowohl die persönliche Neigung des Betroffenen, seine bisherige Berufsausbildung und Berufstätigkeit als auch seine Eignung in ausreichendem Maße berücksichtigt werden. Wenn wir einem Menschen mit Epilepsie einen ungeliebten Beruf wegen vermeintlicher Gefährdungen in einem Wunschberuf 'vorschreiben' wollten, würde das ein Scheitern vorprogrammieren und der beruflichen und sozialen (Re-) Integration eher schaden als nützen. Steht gegen Ende der Schulzeit beim Jugendlichen die Frage der Berufswahl oder gegen Ende der medizinischen Rehabilitation beim Erwachsenen die Frage der künftigen Arbeitsplatzwahl an, muss bei jedem Betroffenen individuell ein Profil erstellt werden, das neben den persönlichen Interessen und Fähigkeiten beziehungsweise dem zuvor erlernten beziehungsweise ausgeübten Beruf auch die spezifischen Einschränkungen durch die Behinderung definiert.

Dazu zählen folgende Punkte:
- Art der Epilepsie, Anfallshäufigkeit, Behandlungsstand und Prognose;
- hirnorganische Störungen auf motorischem, psychomotorischem, neuropsychologischem oder psychischem Gebiet;
- reaktive psychische Störungen, Störungen der Persönlichkeitsentwicklung und Verhaltensstörungen.

Anhand der gefundenen Einschränkungen muss dann gemeinsam mit den Fachkräften der Agentur für Arbeit geprüft werden,
- ob gewünschte Berufe (weiterhin) zu verwirklichen sind,
- ob vorbereitende Maßnahmen schulischer, pädagogischer, psychologischer oder medizinischer Art dazu verhelfen können, dass Berufswünsche zu einem späteren Zeitpunkt realisiert werden können oder dass eine Eignung für den bisherigen Beruf wieder erlangt werden kann,
- ob grundsätzlich von einem bestimmten Beruf abgeraten werden muss.

Wenn die berufliche Eignung auch nach Einbeziehung des Ärztlichen und des Psychologischen Dienstes der Agentur für Arbeit nicht zweifelsfrei geklärt werden kann, kommt auch eine Maßnahme zur Abklärung der beruflichen Eignung oder Arbeitserprobung in Frage.

Möglichkeiten, bestehende Einschränkungen bei der Berufswahl zu mindern oder zu beheben, bieten beispielsweise:
- das Berufsvorbereitungsjahr (BVJ), berufsvorbereitende Maßnahmen mit dem Ziel, schulische/theoretische Defizite aufzuholen, verschiedene Berufsbilder kennen zu lernen und eigene Fähigkeiten besser einschätzen zu lernen;
- eine der genannten Maßnahmen möglicherweise gezielt mit Internatsunterbringung beziehungsweise mit betreutem Wohnen, um soziale Defizite aufzuarbeiten und mehr Selbstständigkeit zu erlernen;
- eine der genannten Maßnahmen möglicherweise in einer speziellen Einrichtung für Epilepsiekranke mit dem Ziel, den Umgang mit der Erkrankung zu verbessern;
- Überprüfung der medizinischen Behandlung, möglicherweise mit einer Änderung der Medikation oder der Klärung operativer Behandlungsmöglichkeiten, mit dem Ziel, die Häufigkeit der Anfälle zu senken.

BERUFLICHE (WIEDER-)EINGLIEDERUNG

Bei Anfallsfreiheit keine beruflichen Einschränkungen: An Epilepsie erkrankte Menschen sind, wenn keine zusätzlichen Behinderungen vorliegen, lediglich durch die während des Anfalls auftretenden Symptome eingeschränkt. Wenn keine fortschreitende Hirnschädigung zu Grunde liegt und wenn es nicht zu häufigem Grand-Mal-Status kommt, dann führt die Epilepsie nicht zu einem Abbau geistiger Fähigkeiten und auch nicht zu einer Änderung der Persönlichkeit oder des Wesens. So muss Menschen mit Epilepsie in diesem Zusammenhang die Angst genommen werden, ein Anfall führe zu einem Verlust geistiger Fähigkeiten.

Bei Ausnutzung aller heute zur Verfügung stehenden Therapiemöglichkeiten können bis zu 80 Prozent aller an Epilepsie erkrankten Menschen zuverlässig anfallsfrei werden. Wichtig ist dabei, dass die betroffenen Menschen selbst aktiv an der Therapie mitwirken (Compliance) und die Medikation konsequent einhalten. Bei Anfallsfreiheit sind an Epilepsie erkrankte Menschen gegenüber Gesunden unauffällig und weisen die gleiche Schwankungsbreite an Intelligenz, Geschicklichkeit oder seelischer Belastungsfähigkeit auf wie die so genannte Normalbevölkerung. Prinzipiell stehen hier - je nach den sonstigen persönlichen und schulischen Voraussetzungen - alle Wege zu Berufsausbildung, Berufsausübung und Studium offen. Abgesehen von Berufen, die eine Fahrerlaubnis der Gruppe 2 (Lkw) oder eine Erlaubnis zur Personenbeförderung (vom Taxi bis zum Flugzeug) erfordern, sollten bei diesen Personen keine beruflichen Einschränkungen bestehen.

Gutachten und Empfehlungen: Angelehnt an die Regelungen der Begutachtungs-Leitlinien zur Kraftfahrereignung (früher: Gutachten Krankheit und Kraftverkehr, Bundesminister für Verkehr 1992, neueste Überarbeitung 2000), das die Tauglichkeit zum Führen eines Kraftfahrzeuges regelt, hat ein Arbeitskreis - unter anderen aus Vertretern der Berufsgenossenschaften, der Bundesagentur für Arbeit, Fachleuten verschiedener Berufsbereiche und in der Epilepsiebehandlung spezialisierter Ärzte - bereits 1983 und in überarbeiteter Form zuletzt 1998 Empfehlungen zur beruflichen Eignung von Personen mit Epilepsie herausgegeben. Beurteilt wurden bislang industrielle maschinenbautechnische und elektrotechnische Berufe sowie für Berufe aus dem sozialen und medizinischen Bereich (Erzieherberufe, Kranken- und Altenpflege, Krankengymnastik, Laborberufe etc.).

In den Empfehlungen wird davon ausgegangen, dass in der Regel für diese Berufe bei folgenden Personen mit Epilepsie grundsätzlich keine Bedenken bestehen:
- unter medikamentöser Behandlung mehr als zwei Jahre anfallsfrei;
- nach operativer Behandlung mehr als ein Jahr anfallsfrei;
- seit mehr als drei Jahren Anfälle ausschließlich im Schlaf;
- ausschließlich Anfälle mit arbeitsmedizinisch nicht relevanten Symptomen (kein Sturz, keine Bewusstseinsstörung, keine Störungen der Willkürmotorik).

Gefährdungen und damit zugleich berufliche Einschränkungen ergeben sich bei Personen, die noch arbeitsmedizinisch relevante Anfälle haben, und zwar mit folgenden Symptomen:
- Bewusstseinsstörung,
- Verlust der Haltungskontrolle,
- Störung der Willkürmotorik.

Die Empfehlungen zur beruflichen Eignung von Personen mit Epilepsie berücksichtigen ausschließlich die Epilepsie, zusätzliche Störungen oder Mehrfachbehinderungen müssen gesondert betrachtet werden.

Individuelle Beurteilung: Die oben beschriebene medizinische Einteilung der Epilepsieformen ist sinnvoll unter dem Aspekt der Behandlung. Für die Beurteilung beruflicher Eignung hilft die medizinische Klassifikation jedoch nicht weiter. So ist die Unterscheidung zwischen fokalen und generalisierten Epilepsien unabdingbare Voraussetzung für die Auswahl des richtigen antiepileptischen Medikaments, sagt aber nichts darüber aus, ob der Betroffene während eines Anfalls beispielsweise stürzt oder nicht. Die Angabe 'komplex fokaler Anfall' gibt dem Arzt Anhaltspunkte für Behandlungsmöglichkeiten und Prognose, sagt aber nichts darüber aus, ob der Betroffene während des Anfalls unbeweglich an seinem Platze stehen bleibt oder ob er umhergeht und sinnlose Bewegungen ausführt. Bei jedem individuellen Fall ist also zu erfragen, welche gefährdenden Symptome auftreten. Kombiniert mit der Häufigkeit der Anfälle, mit möglichen Schutzmechanismen (tageszeitliche Bindung der Anfälle, sichere Vorgefühle, vermeidbare Anfallsauslöser) und den speziellen Bedingungen an einem Arbeitsplatz ergibt sich ein Grad der Eignung für bestimmte Berufe.

Berufsausbildung/berufliche (Wieder-)Eingliederung: Bei günstigen Voraussetzungen - Anfallsfreiheit oder nicht relevante Anfälle, keine zusätzlichen Störungen - steht der Berufsausbildung beziehungsweise beruflichen Wiedereingliederung in einem Betrieb nichts im Wege. Auch Tätigkeiten, die bisher noch weitgehend als ungeeignet betrachtet werden (Absturzgefahr, Maschinen mit offenen, rotierenden Teilen) können in der Regel problemlos ausgeführt werden. Es ist jedoch stets abzuwägen, ob das Verletzungsrisiko bei dem epilepsiekranken Bewerber deutlich höher ist als bei einer Normalperson. Nach den aktuellen medizinischen Erkenntnissen ist dies nach zweijähriger Anfallsfreiheit nicht mehr der Fall.

Treten noch Anfälle auf, so wird eine betriebliche Berufsausbildung oder (Wieder-)Eingliederung nur in Berufen in Frage kommen, bei denen keine wesentliche Verletzungsgefahr zu erwarten ist, in denen keine besondere Aufsichtspflicht gegenüber anderen Personen besteht und in denen durch auftretende Anfälle keine sonstigen Schäden (zum Beispiel ökonomischer Schaden) zu erwarten sind. Bei Personen mit bereits abgeschlossener Berufsausbildung und Berufserfahrung ist eine Wiedereingliederung in dem bisherigen Betrieb anzustreben, eventuell unter (vorübergehender) Umsetzung auf einen weniger gefährlichen Arbeitsplatz. Die Bereitschaft, während einer betrieblichen Berufsausbildung oder während eines Beobachtungszeitraumes mit noch nicht gesichertem Behandlungserfolg ein gewisses Risiko zu tragen, ist eher als gering anzusehen. Bei Bedarf können jedoch technische Hilfen (Schutz- und Sicherheitsvorrichtungen) am Ausbildungs- oder Arbeitsplatz finanziert werden. Wenn bei betroffenen Menschen weiterhin relevante Anfälle auftreten und besonders wenn zusätzliche Störungen vorliegen, wird oft nur eine Berufsausbildung oder Umschulungsmaßnahme in einem Berufsbildungswerk (BBW) beziehungsweise Berufsförderungswerk (BFW) oder in sonstigen Reha-Einrichtungen in Frage kommen.

Fast alle Berufsbildungswerke und Berufsförderungswerke nehmen Maßnahmeteilnehmer mit Epilepsien auf. Die Möglichkeit, maßnahmebegleitend auch die medizinische Behandlung fachgerecht zu optimieren, besteht bislang vor allem im Berufsbildungswerk Bethel. In diesem Zusammenhang kann auch für Personen mit bereits abgeschlossener Berufsausbildung in Einzelfällen (zum Beispiel besonders schwierige Epilepsie oder besonders schwerwiegende neuropsychologische Schädigungen) eine Maßnahme in diesem spezialisierten Berufsbildungswerk angezeigt erscheinen. Kann eine Ausbildung in dieser Einrichtung nicht durchgeführt werden (zum Beispiel bei zusätzlicher Sinnesbehinderung oder Körperbehinderung), dann sollte ein Berufsbildungswerk oder eine andere Reha-Einrichtung unter dem Gesichtspunkt ausgewählt werden, dass die Kooperation mit einer Epilepsie-Ambulanz oder einem Epilepsie-Zentrum möglich ist.

Eine Übersicht über die bundesweit vorhandenen Epilepsie-Ambulanzen ist bei der Stiftung Michael erhältlich (Münzkamp 5, 22339 Hamburg, Telefon: 040/5388540).

Vor allem bei einer Kombination mit anderen Behinderungen (Mehrfachbehinderung) wird eine Berufsausbildung oder (Wieder-) Eingliederung in einen qualifizierten Beruf nicht immer möglich sein. Für Personen mit einem Defizit an intellektuellen Fähigkeiten, aber einer guten praktischen Begabung, kann beispielsweise eine berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme sinnvoll sein. Für einzelne Menschen mit Epilepsie wird trotz Nutzung aller zur Verfügung stehenden Möglichkeiten die Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) als einzige Möglichkeit bleiben, da das Zusammenwirken von schwer behandelbarer Epilepsie mit hirnorganischen, psychischen oder sonstigen Störungen keine (Wieder-)Eingliederung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zulässt.


Weitere Informationen:


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Dokumentart:


Graue Literatur / Sammelwerksbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


Bundesagentur für Arbeit (BA)
Homepage: https://www.arbeitsagentur.de/veroeffentlichungen/veroeffent...

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Referenznummer:

VT0008


Informationsstand: 24.04.2007

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