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Bibliographische Angaben zur Publikation

Stückwerk statt Visionen

Menschen mit Behinderungen als Thema der Weltausstellung EXPO 2000



Autor/in:

Schmitz, Christian


Herausgeber/in:

Aktion Mensch e.V.


Quelle:

Aktion Mensch - Das Magazin, 2000, Ausgabe 3, Seite 46-47, Kassel: Publikom Z


Jahr:

2000



Abstract:


'Ute F. ist taub. Trotzdem hört sie jeden Morgen ihren Wecker und telefoniert im Büro gerne und ausdauernd', berichtet eine sonore Männerstimme, während das Fernsehbild die junge Frau auf ihrem Weg vom Bett zum Arbeitsplatz zeigt. Sören B. ist beeindruckt. dass es vibrierende Wecker gibt und Schreibtelefone, davon hört der 13-Jährige aus der Nähe von Bremen heute zum ersten Mal. Unterdessen drängt seine Mutter zum Aufbruch. Die beiden wollen noch einen Happen essen, bevor es in die nächste Halle geht.

So nimmt Sören den Szenenwechsel zum Berufsbildungswerk, wo Ute F. den Umgang mit den technischen Hilfsmitteln, die ihr eine volle Berufstätigkeit erlauben, gelernt hat, nur noch am Rande wahr. Dass der technische Fortschritt für die (nicht nur) berufliche Integration von Menschen mit Behinderungen in die Arbeitswelt genutzt werden kann und muss, ist eine der zentralen Botschaften des Bereichs 'Zukunft der Arbeit' (Halle 4) im EXPO-Themenpark. Eine illustre Runde hat sich zu diesem Zweck zusammengetan: die Bundesanstalt für Arbeit, die Berufsgenossenschaften, die Gewerkschaften, die Zeitarbeitsgesellschaft Adecco, der Zentralverband des Deutschen Handwerks und der Sozialverband Deutschland (SoVD).

Von Tanz bis Multimedia
So unterschiedlich diese Organisationen sind, so vielfältig präsentieren sie sich in Form und Inhalt. Die daraus folgende Mischung von Tanz bis Multimedia schafft den für die EXPO unvermeidlichen Spagat zwischen Information und Unterhaltung.

In der ellipsenförmigen Arena, die sich im festen Rhythmus mit Besuchern füllt, zum Beispiel 'erzählen' behinderte und nichtbehinderte Tänzerinnen und Tänzer die Geschichte eines erblindeten Mannes, der dank eines implantierten Mikrochips zum ersten Mal in seinem Leben Eindrücke von Licht, Form und Farbe erleben kann. Dazu berichten eine blinde Büroangestellte, ein gehörloser Umweltingenieur und ein motorisch eingeschränkter Informatiker auf Videos über ihren beruflichen Werdegang.

Im anschließenden Raum wird das, was in der Arena künstlerisch vorbereitet wurde, in den Arbeitsalltag umgesetzt. An der Medienwand zeigt unter anderem das Institut für Arbeitswissenschaften der Technischen Universität Darmstadt Modellarbeitsplätze für sinnesbehinderte und motorisch eingeschränkte Menschen. Und der SoVD gibt einen Einblick in die Aus- und Fortbildung von Menschen mit Behinderungen. Dabei sehr schön: Auch in der englischen Fassung ist eine Gebärdendolmetscherin eingeblendet, und alle Informationen sind über eine Braillezeile in Blindenkurzschrift deutsch und englisch lesbar.

Ebenfalls auf der Medienwand kommt dann auch Ute F. ins Spiel. Ihr Beispiel ist Teil von REHADAT. REHADAT - das Informationssystem zur beruflichen Rehabilitation behinderter Menschen - wurde bereits vor zwölf Jahren beim Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln eingerichtet und wird vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert.

Das Gebotene begeistert nicht nur Jugendliche wie Sören B. REHADAT ist schließlich das umfassendste Informationsangebot weltweit zum Themenkomplex berufliche und soziale Integration und unterstützt alle, die sich beruflich oder als Betroffene mit diesen Fragen auseinander setzen. Auf Knopfdruck gibt es Praxisbeispiele, alles Wissenswerte über technische Hilfsmittel, Adressen, Literaturtipps ...

Im Hinblick auf Menschen mit Behinderungen ist 'Zukunft der Arbeit' ohne Zweifel ein gelungener Teil des EXPO-Themenparks. Insgesamt aber hätte der EXPO nicht nur der umfassende 'Leitfaden für Menschen mit Behinderungen' zum Thema 'Barrierefreiheit der einzelnen Hallen und Pavillions' gut getan, sondern auch ein inhaltlicher Leitfaden 'Behinderung', der zumindest die verschiedenen Orte zusammenfasst, an denen das Thema aufgegriffen wird.

Möglichkeit verschenkt
So stolpert der Besucher im Themenparkteil 'Basic Needs' (Halle 6) eher zufällig über ein Job-Training für junge Menschen mit Behinderung in Tunesien. Richtig verschenkt wird von den EXPO-Machern die Möglichkeit, die Themenparkbereiche 'Zukunft der Arbeit' und 'Mensch' (Halle 7) im 'Hinblick auf Menschen mit Behinderungen' inhaltlich zusammenzuführen. Denn bei 'Mensch' findet sich zum Beispiel die Antwort auf eine Frage, die in 'Zukunft der Arbeit' unbeantwortet bleibt: Warum in Deutschland eigentlich erst jetzt ernsthaft begonnen wird, Menschen mit Behinderungen in die Arbeitswelt zu integrieren.

Aufklärung statt heiße Luft
Die Antwort in 'Mensch' kommt einem Endlosband aus zahllosen, in Reihe stehenden Trockenhauben (Modell 70er Jahre): Aufklärung statt heiße Luft. Mitarbeiterinnen der Diakonie-Einrichtung 'Henriettenstift' in Hannover beschreiben, wie sich ihr Bild der Menschen mit Behinderungen, die sie betreuen, gewandelt hat - weg von fürsorglicher Entmündigung hin zu echter Partnerschaft.

Da solche Gelegenheiten verschenkt werden, bleibt auf der EXPO im Hinblick auf 'Menschen mit Behinderungen' vieles Stückwerk. Die Visionen, die die Menschheit 'die großen Herausforderungen der Zukunft erfolgreich meistern' lassen, wie es im Vorfeld der EXPO vollmundig hieß, bleiben so leider oft im Dunkeln.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


Magazin MENSCHEN. Inklusiv leben
Homepage: https://www.aktion-mensch.de/dafuer-stehen-wir/das-bewirken-...

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/ZS0145/3151


Informationsstand: 07.10.2020

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