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Bibliographische Angaben zur Publikation

Ideen zur Strategie eines eigenwilligen Lebens

Behinderte und ihre Rolle als Gesellschaftspartner, Teil 1



Autor/in:

Kebelmann, Bernd


Herausgeber/in:

Deutscher Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf e.V. (DVBS); Deutsche Blindenstudienanstalt e.V. (blista)


Quelle:

horus, 2005, 67. Jahrgang (Heft 3), Seite 103-109, Marburg: DVBS, ISSN: 0724-7389


Jahr:

2005



Abstract:


Der Aufsatz wurde aus mehreren Vorträgen des Autors als Gesamtbetrachtung zum Thema zusammengestellt und ausgeführt. Der Autor wünscht, dass seine thesenartigen Ausführungen zu diesem hochaktuellen, sehr komplexen Problem auf diskussionsfreudige Zeitgenossen treffen.

Auszug aus der Veröffentlichung:

I. Vorbemerkungen
Ich schreibe diesen Text als Späterblindeter, der pauschal von den 'Behinderten' spricht, eine Anmaßung jeder einzelnen Gruppe Betroffener gegenüber, die sich längst ihre eigene Kompetenz, ihren eigenen Status des Andersseins erkämpft und erarbeitet hat. Was ist davon zu halten? In seinem berühmt-berüchtigten Brief schrieb der französische Aufklärer Denis Diderot (1713­1794) vor etwa 250 Jahren über die 'Blinden' Folgendes: 'sie seien ... herzlos, charakterlos, nicht liebesfähig, nicht einmal religiös'. Wundern wir uns also nicht darüber, dass bis zum Ende des 19. Jahrhunderts neben den 'üblichen Kriegsversehrten' auch die Blinden ohne Familienanschluss in die Anstalt gesteckt worden sind.

M a n war der Meinung, solche Menschen anders gar nicht betreuen zu können. Heute besetzen zahlreiche Blinde neben den Rollstuhlfahrern in der Behindertenhierarchie einen der vorderen Plätze. Zu recht erwartet man von ihnen Solidarität. Ein schwieriges Thema, wie manch einer weiß. Dann hilft es, sich klarzumachen, Blinde spielen durchaus nicht allein die Rolle als schwierige Außenseiter. Darin geht es ihnen recht gut, nicht nur, weil viele von ihnen erfolgreich integriert sind, auch weil sie sichtbar, auffällig anders sind. Dies fordert und fördert die Aufmerksamkeit. Was würde in einer geschlossenen Anstalt aus ihnen geworden sein? So viel und so wenig wie aus den meisten, auf welche Weise auch immer behinderten Menschen werden konnte, die in Verwahrung kamen.

Aus Behinderten, wo sie auch leben mögen, wird nicht mehr, als man ihnen zutraut, im besten Fall so viel, wie ihnen an Mut und Lebenswillen erhalten, entlockt werden kann, vorausgesetzt, man gibt ihnen eine Chance. Das Ergebnis hängt zweifellos von Art und Grad der Behinderung ab. Ich habe jedoch nicht vor, Behinderte zu vergleichen oder gar gleichzusetzen. Mich interessieren im Folgenden die allgemeinen Fragen zur Rolle Behinderter in der Gesellschaft, im Zusammenhang mit ihrer Akzeptanz, ihrer Würde und ihrer Notwendigkeit. ­ Sie haben richtig gelesen: ihrer Notwendigkeit. Seit langem gibt es die Diskussion, die immer mehr zur Forderung wird, behinderte Menschen mögen in Zukunft erst gar nicht geboren werden. Jedem Leser jedoch sollte klar sein, dass es auch in den kommenden Generationen aus einer Reihe von Gründen Behinderte geben wird, ein unvermeidliches Faktum, weder begrüßens- noch bedauernswert. Ich gehe sogar noch viel weiter. Ich werde im folgenden Text behaupten und zu beweisen versuchen, dass es zum Wohle jeder Gesellschaft Behinderte geben muss.

II. Geschichte und Gegenwart, Zukunft?
1. Am Beginn des dritten Jahrtausends hoffe ich, wünsche ich mir, dass uns leistungsgeminderte Menschen mit ihren Schwächen und Mängeln auch in Zukunft erhalten bleiben. Ich sage dies nicht aus Undankbarkeit einem Sozialstaat gegenüber, der auch heute noch beispielhaft dafür sorgt, die materielle Basis behinderter Menschen zu sichern. Diese mühsam errungene, in jeder sozialen Krise gefährdete Hilfsbereitschaft gilt als besondere Fürsorgeleistung, nicht zuletzt, weil ihr die Hauptbegründung, die überzeugende Motivation bis heute nicht gelang. Es muss viel deutlicher werden: Die Gesellschaft braucht die Behinderten. Ihr Leben kraft finanzieller, technischer und sozialer Hilfen so weit wie möglich zu sichern, war allerdings noch nie ein völlig selbstloses Handeln. Immer findet bei diesem Prozess ein Geben und Nehmen statt, weit über ethische Normen und moralische Einsicht hinaus. Der Zusammenhang wird erst klar, wenn wir solche Menschen nicht nur zum Objekt der Fürsorge werden lassen, sondern sie genauso nach ihrer persönlichen Lebensgeschichte und ihrem Selbstverständnis, nach ihrer ethisch sozialen Rolle in der Gesellschaft fragen.

2. Die Zeit, in der behinderte Menschen 'als unnütze Esser' galten, ist noch nicht lange vorbei. Es war ein barbarischer Rückgriff auf die Anfänge der Kultur, auf die Urgesellschaft, in der das Überleben der Horde von der Kraft und Geschicklichkeit jedes Einzelnen abhing. Seitdem es der Menschheit gelang, ihre materiellen Lebensgrundlagen einigermaßen zu sichern, seit die Bevölkerung zunahm und sesshaft wurde, die Gründung der Städte zur Arbeits- und Rollenteilung führte, fanden, wenn auch auf unterster Stufe, Behinderte ihren Platz am Rande einer Kommune, die sie immerhin miternährte. Dank ihrer Lebensleistung, ihres gegen alle Widrigkeiten erstarkenden Lebenswillens schrieb man den fähigsten dieser Menschen bald schon besondere Wesenskräfte, auch seltene Gaben zu, im Guten wie im Bösen. Im Raum der Magie, des Ritus, der mythischen Fragestellungen nach Sinn und Zukunft des Lebens fanden sie eine Nische, erlangten in wenigen Fällen einen angesehenen Status, wie zum Beispiel die blinden Seher in der antiken Welt. Seit dem Aufstieg des Christentums in Europa war die Anwesenheit behinderter Menschen auch durch biblische Botschaft begründbar. Ob ihr Dasein als Strafe Gottes für die Sünden der Väter galt, ob ihre Existenz als Beweis für die Allmacht Gottes diente, ihre Rechtfertigung war gegeben, ihre Anwesenheit wurde zur Zeugenschaft. Sie lebten, mehr schlecht als recht, aber weitgehend unangefochten, verachtet und verspottet, wie der Herr Jesus 'selbst', als er auf Erden umherging.

3. Seitdem sich die moderne Gesellschaft in der Alten Welt etabliert hat, bestimmen materieller Wohlstand, Profit und Mehrwert das Dasein. Von nun an wird auch die Wertigkeit eines Menschen berechenbar: Entweder leistet er etwas im Rahmen der Aufgabenteilung oder er gilt als Schmarotzer. So wundert es kaum, dass seit Beginn der Industrialisierung nicht nur Arme und Obdachlose in Arbeitshäusern gesammelt wurden, auch behinderte Menschen verschwanden hinter Anstaltsmauern, dem Anblick der Straße 'entzogen'. Hier behauste und ernährte man sie, kleidete sie und führte sie nützlicher Arbeit zu. Zweifellos wurde auf diese Weise vielen Behinderten erstmals eine Schul- und Berufsausbildung zuteil. Werkstätten, Manufakturen entstanden, die sich zu profitablen Gewerbebetrieben entwickelten. Je nach dem Status der inneren Führung und dem Grad der Militarisierung der Gesamtgesellschaft verkamen sie zu Kasernen, wurden später sogar zur Menschenfalle, zum Sammelpunkt für die Opfer. Von hier aus begann die, wiederum ökonomisch begründete Säuberung der Volksgemeinschaft von leistungsschwachen Randexistenzen, 'die nur am Volkskörper zehren'. Als sozialpolitischer Hintergrund galten Eugenik und Euthanasie, denen in logischer Konsequenz am Tiefpunkt der Menschenverachtung die Unmenschlichkeit und Endgültigkeit der Vernichtungslager gefolgt sind.

4. Soweit es die Behinderten, die 'körperlich und geistig minderwertigen' Opfer betraf, waren Maßnahmen zur 'Gesellschaftshygiene' von Anfang an umstritten. Dennoch wurden sie durchgeführt, freiwillig, mit Überzeugung, kraft Gesetz und befehlsgemäß. Lange hat es gedauert, bis nach der Zeit des Faschismus in Deutschland einiges davon ans Licht kam. Seit kurzem weiß man zum Beispiel erst vom Fall eines Jenaer Kinderarztes, der als Musterbeispiel ärztlicher Ethik galt und dennoch in der NS-Zeit einige seiner kleinen Patienten zur Euthanasie empfahl. Heute gibt es wenige Forscher, die sich dem Thema widmen, zudem gibt es Opferverbände. Vieles bleibt unbekannt, Wesentliches spielt sich am Rande unserer Gesellschaft ab. Ein Schlusspunkt der Diskussion über den tragischen Missbrauch medizinischer Kompetenz zur Gesundung der Gesellschaft wurde niemals erreicht. Die Opfer sind weder rehabilitiert noch entschädigt worden, die Debatte ist nicht erledigt, das Gegenteil ist der Fall. Der inzwischen auf wissenschaftlich gesicherte Weise, auf neue methodische Möglichkeiten gestützte 'Selektionsdruck' zur Erhaltung oder Erzielung eines gesunden genetischen Potenzials ist niemals größer gewesen. Dennoch spricht vieles dafür, dass es Chancen gibt, dieses Thema aus dem Bereich faschistoider 'Gesellschaftshygiene' auf das weite, wenig beackerte Feld unseres Grundwertekanons zu heben.

5. Den Erkenntnissen aus der Geschichte steht der Eifer einer fortschrittsgläubigen, skrupellosen Forschung entgegen. Eine Reihe von Wissenschaftlern und weiteren Experten ist dank neuen biologischen Wissens und modernster medizinischer Techniken immer stärker darum bemüht, mit dem Angriff auf unsere Erbkrankheiten auch die Geburtenrate erbkranker und behinderter Kinder gegen Null zu drängen. Ich halte dies für verfehlt und zum Scheitern verurteilt. Sollte sich die Leistungsgesellschaft in gleichem Tempo wie bisher zu optimieren versuchen, wage ich die Behauptung, dass die Zahl behinderter Menschen eher noch zunehmen wird. Zwar werden nicht mehr die klassischen Arten von Handicaps dominieren, dafür werden es neue sein. Sie stellen den Preis, das Korrektiv für unser verschleißintensives Verhalten in Arbeit und Umwelt dar. Willentlich oder nicht, wir werden sie akzeptieren müssen wie die zahllosen materiellen und ideellen Luxusprodukte, die uns der Fortschritt beschert. 6. Die schreckliche Alternative zu einer Bevölkerung mit natürlichem Anteil an mängelbehafteten Menschen wäre die gezielte, konsequente Normierung gesellschaftlicher Gruppen. Keine breit gestreuten körperlichen und geistigen Eigenschaften, kein randständiges Verhalten würden in ihnen geduldet werden. Es käme zu einer von Interessen gesteuerten psychosozialen Spezialisierung. Dieses 'Zuchtziel' wäre vermutlich, bei entsprechender Akzeptanz, in mittlerer Zukunft erreichbar, nicht nur durch Maßnahmen des überschätzten genetic engeneering, auch durch andere, weit komplexere, fantasievolle Strategien gesellschaftlicher Kontrolle. Was hier machbar scheint, also auch planbar ist, käme der Züchtung eines schönen, begabten, auf Leistung getrimmten, zweibeinigen Tieres gleich. Für solche Art Menschenzüchtung werden sich zahlreiche Zeitgenossen durchaus begeistern lassen, so sehr dies auch bis heute noch bestritten wird (siehe die wütende Diskussion über Peter Sloterdijks 'Regeln für den Menschenpark').


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Dokumentart:


Zeitschriftenbeitrag




Bezugsmöglichkeit:


horus - Marburger Beiträge
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Referenznummer:

R/ZS0073/0008


Informationsstand: 12.07.2005

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