Inhalt

in Literatur blättern

  • Detailansicht

Bibliographische Angaben zur Publikation

Die Situation von Sehgeschädigten in der Gesellschaft aus sozialpädagogischer Sicht: Integration - Wunschtraum oder Wirklichkeit

Diplomarbeit an der Fachhochschule Fulda



Autor/in:

Lürding, Anette


Herausgeber/in:

k. A.


Quelle:

Hamburg: Diplomica, 1996, 92 Seiten


Jahr:

1996



Abstract:


Eine Diplomarbeit über die gesellschaftliche Situation Blinder zu schreiben, bedeutet, sich auf ein bislang doch sehr vernachlässigtes und sozialwissenschaftlich lückenhaft Erforschtes Gebiet zu begeben. Ein Großteil der verfügbaren Literatur aus dem Bereich der Blindenpädagogik befasst sich primär mit Kindern und Jugendlichen und hier wiederum vor allem mit deren Erziehung und Unterrichtung. Sicherlich ist diese Altersgruppe nicht zu vernachlässigen, jedoch werden dadurch Problematiken Blinder in anderen Lebensphasen vernachlässigt.

Was geschieht mit ihnen nach der Schulentlassung? Ist ihre Rehabilitation und ihre Integration mit der Entlassung oder dem Eintritt ins Berufsleben beendet?

Analysen über die soziale Lage Sehgeschädigter fehlen weitgehend. Überwiegend wird von dem Blinden gesprochen. Selten findet man von Betroffenen selbst geschriebene Literatur. Wenn, so findet man zumeist sehr subjektive Schilderungen. Oftmals können selbst andere Sehgeschädigte bestimmte Aussagen nicht nachvollziehen. Auch in meiner Arbeit sind die getroffenen Aussagen selbstverständlich nicht objektiv. Letztlich kann ich nur Ausschnitte aus alltäglichen Situationen, die ich selbst oder mir bekannte Personen erlebt haben, als Beispiel anführen.

Manchmal kann man über einige teilweise absurde und dennoch realistische Vorkommnisse in unserer Gesellschaft sogar schmunzeln. Dies halte ich sogar für äußerst sinnvoll, denn Humor sollte stets ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens sein!

Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht die Frage nach dem Bild des Blinden in der Gesellschaft. Wie werden wir gemeinhin gesehen und behandelt? Was ist bei uns anders als bei Sehenden? Werden wir oftmals nicht erst durch die Behandlung Anderer zu Behinderten gemacht? Was können Blinde überhaupt leisten (inwieweit werden wir eingeschränkt)? Wie wird die Arbeit Sehgeschädigter bewertet und inwieweit sind oder werden wir in der Ausübung unserer Arbeit gehindert? Wie gehen Sehgeschädigte mit dieser Problematik und der sich daraus ergebenden gesellschaftlichen und sozialen Diskriminierung um? Die wichtigste Frage jedoch wird von den wenigsten Autoren behandelt: Woher resultiert dieses Bild in der Gesellschaft, wie und wodurch entstehen die gängigen Vorurteile?

Gang der Untersuchung:
Im ersten, theoretischen Teil, möchte ich allgemeine Definitionen und statistische Daten liefern. In der Literatur und auch im täglichen Leben ist die Situation Sehgeschädigter kein Thema, das im besonderen Interesse der Gesellschaft steht. Es ist schwierig, umfassende und aktuelle Daten zur Lage Sehgeschädigter in der Bundesrepublik zu beschaffen. In der Regel muss man sich hier mit den Angaben begnügen, die durch die Blindenverbände selbst erhoben wurden. Diese sind jedoch meistens wenig detailliert. Die letzte mir bekannte umfassendere Erhebung stammt von Infratest aus dem Jahre 1980 (soviel zum allgemeinen Interesse).

Generell sind in der Fachliteratur nur wenige konkrete statistische Angaben und einige Definitionen über Blindheit an sich zu finden. Die Aussagen und Angaben weichen oftmals, wenn auch nur geringfügig, voneinander ab.

Interessant erscheint mir auch, auf die historische Entwicklung im Blindenwesen einzugehen. Mir selbst wirkt hier manches zum Status des Blinden doch sehr kurios, jedoch für die jeweilige Epoche charakteristisch. Denn nur so kann man die doch positive Entwicklung nachvollziehen und registrieren, dass sich - zwar schleppend, aber immerhin - diesbezüglich etwas getan hat.

Die Berufstätigkeit von Blinden und deren Status erläutere ich ebenfalls anhand von statistischen Daten und mündlich weitergegebenen Informationen. Nach wie vor gibt es blindenuntypische Berufe, die aufgrund eines speziellen Talents auch von Blinden ausgewählt und praktiziert werden. Hinweise auf deren Eignung für Sehgeschädigte sucht man jedoch zum Beispiel in den Informationsschriften der Bundesanstalt für Arbeit vergeblich (etwa das Berufsbild der Erzieherin ...).

Im zweiten Teil möchte ich auf theoretische und praktische Auswirkungen von Vorurteilen und der daraus resultierenden gesellschaftlichen Stellung der Sehgeschädigten eingehen.

Vorurteile können in besonderem Maße durch die modernen audiovisuellen Massenmedien gebildet werden, da sie auf das menschliche Empfinden oftmals viel subtiler wirken als geschriebene Informationen. Durch ein Seminar Zwischen Alltagsbewältigung und Wunderheilung - Blindheit im Film, welches ich im Oktober 1994 besuchte, habe ich Anregungen zu diesem doch sehr vernachlässigten und dabei so bedeutsamen Thema erhalten. Denn gerade in den Medien, die in welcher Form auch immer, auf jeden Menschen einwirken und stets zugänglich sind, liegen die Ursachen für das Bild des Blinden; oftmals Muster, nach denen man die Person als Objekt, nicht aber als Individuum betrachtet und behandelt. Diese negative Lobby ist bezeichnend auch für die doch relativ negative berufliche Integration von Sehgeschädigten.

Die Bereitschaft, einen blinden Mitarbeiter einzustellen, ist relativ gering. Da zahlen die Arbeitgeber doch lieber die ohnehin gering bemessene Ausgleichsabgabe ... (vergleiche Kapitel 1.5.2) Im dritten Teil möchte ich auf rein praktische, alltägliche Erlebnisse von Betroffen eingehen. Die teilweise skurrilen Schilderungen erscheinen einem Außenstehenden oftmals unglaubwürdig, wüsste ich nicht selbst aus eigener Erfahrung, dass solche Vorkommnisse durchaus realistisch sind.

Die geschilderten Begebenheiten an sich sind zwar traurig, jedoch empfinde ich (wohl auch aus dem entfernteren Blickwinkel eines Beobachters) einige Episoden als äußerst amüsant. Deutlich zum Ausdruck bringen möchte ich in diesem Teil das permanente Anrennen gegen bestehende Normen und Vorurteile. Besonders letzteres erfordert von den Betroffenen ein hohes Maß an Energie, so dass Aufklärungsarbeit fast eine Leistung ist, die nur beiläufig erbracht werden kann, da sie sich ja stets an andere Adressaten richtet und sich damit ständig wiederholt.

Der Alltag raubt gelegentlich die Kraft und den Ideenreichtum, um mithalten zu können. Dieser Druck wird nicht von jedem Einzeln als so massiv empfunden. Oftmals haben Betroffene Mechanismen und Verhaltensweisen herausgebildet, um den Druck zu umgehen, sich den Erwartungen der Umwelt anzupassen oder unangenehmen Situationen auszuweichen. Sie vermeiden dann, um ein konkretes Beispiel aus meinem Umfeld zu nennen, das für Blinde schwierige Essen von Geflügel mit Messer und Gabel in der Öffentlichkeit und verzichten, trotz Appetits, lieber ganz darauf, anstatt es in die Hand zu nehmen.

[Aus: Autorenreferat]


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Graue Literatur / Forschungsergebnis




Bezugsmöglichkeit:


Diplomica Verlag GmbH
Homepage: https://www.diplomica-verlag.de/

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/NV3732


Informationsstand: 20.06.2007

in Literatur blättern