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Bibliographische Angaben zur Publikation

Versorgungsepidemiologische Studie zu Strukturen, Prozessen und Ergebnissen der beruflichen Rehabilitation

Bericht - Projekt A2



Autor/in:

Hansmeier, Thomas; Müller-Fahrnow, Werner; Radoschewski, Friedrich Michael [u. a.]


Herausgeber/in:

Reha-Forschungsverbund Berlin-Brandenburg-Sachsen (BBS)


Quelle:

Berlin: Eigenverlag, 2002, 168 Seiten


Jahr:

2002



Abstract:


Die Besserung oder Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit gesundheitsbedingt leistungseingeschränkter Arbeitnehmer erlangt infolge demografischer und wirtschaftlicher Entwicklungen wachsende Bedeutung. Die Notwendigkeit, mit begrenzten Ressourcen ein effizienteres Leistungsgeschehen zu erreichen, verlangt eine - auch von der Reha-Kommission Berufsförderung des Verbandes Deutscher Rentenversicherungsträger geforderte - verstärkte wissenschaftliche Durchdringung und Fundierung des beruflichen Rehabilitationsgeschehens und seiner systematischen Gestaltung.

Einen wichtigen Ansatz stellt das durchgeführte A2-Projekt im BBS-Verbund dar, das mit einem versorgungssystemanalytischen und eher generellen Forschungszugang in der Lage ist, erste Erkenntnisse zum Steuerungs- und Zugangsproblem sowie zu den Integrationsergebnissen der beruflichen Rehabilitation zu gewinnen und Bestimmungsgrößen für eine eingeschränkte Partizipation zu benennen.

Schwerpunkte des A2-Projektes waren die Operationalisierung, Messung, Analyse und Modellierung von Rehabilitationsbedürftigkeit vor dem Hintergrund des Partizipationskonzepts der ICF. Darauf aufbauend sollte eine Identifikation von Bedarfen über Parameter der Nachfrage und Inanspruchnahme beruflicher Rehabilitationsleistungen erfolgen.

Die beiden Hauptfragestellungen bezogen sich zum einen darauf, Kriterien zu identifizieren, die den Einsatz qualifikatorisch-rehabilitativer Unterstützungsleistungen (alternativ oder zusätzlich zur medizinisch-rehabilitativen Hilfestellung) implizieren. Zum anderen stand die Ergebnisbetrachtung von beruflicher Rehabilitation im Vordergrund, die sich nicht ausschließlich auf harte Kriterien wie Integrationsquoten beschränkte, sondern auch die subjektiven Urteile der Betroffenen berücksichtigen sollte.

Die empirische Grundlage dafür bildete eine kombinierte Quer- und Längsschnittstudie mit follow-up-Messung nach zwölf Monaten für die beiden erstgenannten der insgesamt vier Zielgruppen,
(1) Versicherte ohne Antrag,
(2) Versicherte im Stadium der Antragstellung,
(3) Versicherte im Stadium eines bewilligten Antrages und
(4) Versicherte nach erbrachter Leistung.

Mit einem standardisiertem schriftlichen Fragebogen wurden insbesondere Variablen zu Gesundheitszustand und Lebensqualität, Folgen beeinträchtigter Gesundheit im individuellen und sozialen Kontext, berufliche Belastungen, Behandlungsbedürftigkeit, Rehabilitationserfahrungen sowie gesundheitsökonomisch relevante Variablen erhoben. Ergänzend konnten für einige Zielgruppen Ergebnisse der Prozessdatenanalyse hinzugezogen werden. Darüber hinaus wurde mit der Arbeitsmarktsituation eine zentrale Makrobedingung der beruflichen Rehabilitation, der sowohl zugangssteuernde als auch ergebnisdeterminierende Wirkungen unterstellt werden können, systematisch untersucht und einer Bewertung ihrer Bedeutung für die berufliche Rehabilitation zugänglich gemacht.

Es konnte gezeigt werden, dass sich die Zielgruppen hinsichtlich ihres funktionalen, psychosozialen und Kontextstatus (FPK-Status) signifikant unterscheiden. Dies begründet den Ansatz, Versicherte, die eine berufliche Rehabilitationsleistung als notwendig ansehen, durch besondere Beeinträchtigungsmuster zu charakterisieren, die sich im Wesentlichen an Hand der Auswirkungen der gesundheitlichen Problematik in der konkreten beruflichen Situation ableiten lassen. So lässt sich unter anderem zeigen, dass die Gruppe potenzieller Nachfrager beruflicher Rehabilitationsleistungen gegenüber möglichen medizinischen Reha-Nachfragern größere Instabilitäten in der konkreten Arbeits-/Erwerbssituation bei vergleichbaren gesundheitlichen Beeinträchtigungen aufweist.

Berufliche Rehabilitationsbedürftigkeit manifestiert sich demnach bei Mangel beziehungsweise Ausschöpfung von Kompensationsmöglichkeiten gesundheitlicher Beeinträchtigungen im konkreten Arbeitsumfeld, d.h. ausschlaggebend sind die individuellen und betrieblichen Bewältigungsressourcen in der unmittelbaren beruflichen Situation. Auf der Makroebene wird dieser Zusammenhang wesentlich durch die Arbeitsmarktsituation modelliert; in Zeiten geringerer Arbeitskräftenachfrage werden insbesondere die betrieblichen Bewältigungsressourcen eingeschränkt.

Die Folge sind - sowohl in der Gruppe der Antragsteller als auch der Bewilligten -beobachtbare häufige Veränderungen in der beruflichen Situation (mit sich verschlechterndem Gesundheitszustand und entsprechend stärkerem beruflichen Handicap erhöhen sich erwartungsgemäß die Anteile mit Wechsel in Arbeitslosigkeit sowie Berufs- und Erwerbsunfähigkeit) bevor die institutionelle Hilfeleistung in Form der beruflichen Rehabilitation in Anspruch genommen wird.

Die Projektergebnisse zum Erfolg (Integration ins Berufsleben) zeigen auf der einen Seite, dass Versicherte, die eine Maßnahme durchgeführt haben, mittelfristig durchgehend höhere Erwerbstätigkeitsquoten aufweisen als diejenigen ohne Maßnahme. Auf der anderen Seite sind die Erwerbstätigkeitsquoten nach beruflicher Rehabilitation (Angestellte West: circa 70 Prozent, Angestellte BBS-Region: 50 Prozent, Arbeiter BBS-Region: knapp 40 Prozent) als wenig zufriedenstellend anzusehen. Die deutlichen Unterschiede zwischen den Regionen weisen wiederum auf einen prägnanten Einfluss der Arbeitsmarktsituation hin. Darüber hinaus fällt die persönliche Bewertung der Reha-Maßnahmen hinsichtlich ihrer Bedeutung für die jetzige Tätigkeit (bei Erwerbstätigen) nicht besonders positiv aus: Sie wird von der übergroßen Mehrheit (zwischen 70 und 80 Prozent) eher als gering eingeschätzt.

Insgesamt sind mit dem punktuellen Ansatz dieser versorgungsepidemiologischen Untersuchung bereits wichtige Erkenntnisse zu den Themen Voraussetzungen und Eingangsbedingungen für die berufliche Rehabilitation (Gesundheitszustand, gesundheitliche Beeinträchtigung, Inanspruchnahme der präventiven und kurativen Versorgung, Gesundheitsausgaben, Belastungsfaktoren) und retrospektiv analysierte Ergebnisse der beruflichen Rehabilitation (Reintegration ins Berufsleben, Arbeitsmarktbedingungen) erzielt worden. Sie decken jedoch zunächst nur Teilabschnitte der Strecke vom Eintritt der Rehabilitationsbedürftigkeit bis zur Reintegration in das Erwerbsleben ab. Die Analyse kann mit den dargestellten Auswertungen natürlich noch keineswegs als ausgeschöpft und abgeschlossen gelten. Die Datenvielfalt und -qualität eröffnet ein großes Potenzial für weitere Analysen, deren Ergebnisse den bereits begonnenen Prozess der Ergebnisumsetzung über einen längeren Zeitraum gestalten können.

Weiterführende Erkenntnisse werden aber auch, aufbauend auf den bisherigen und weiteren vertiefenden Analysen der vorliegenden Daten, vor allem auf empirischen Mikroanalysen der den gesamten individuellen Prozess umfassenden eigentlichen Interventionsebene der beruflichen Rehabilitation basieren müssen. Gerade mit Blick auf die gesetzlichen und medizinischen Voraussetzungen für berufliche Rehabilitationsleistungen und dort zu verzeichnende Entwicklungen (zum Beispiel Leitlinien) zeigen bisherige Erkenntnisse aus dem Projekt und auch aus den Prozessdaten, indiziert zum Beispiel an den Ergebnissen der durchgeführten Maßnahmen selbst (unter anderem Abbruchquote, Prüfung nicht bestanden) oder des Reintegrationserfolges (zum Beispiel kurz- und mittelfristiger Verbleib im Erwerbsleben) zwangsläufig immer auch weitere Problembereiche und diesbezüglichen Forschungsbedarf auf.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Graue Literatur / Forschungsergebnis




Bezugsmöglichkeit:


Rehabilitationswissenschaftlicher Verbund Berlin, Brandenburg und Sachsen
Charité-Universitätsmedizin Berlin
Homepage: https://bbs.charite.de/

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/NV3663


Informationsstand: 27.03.2006

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