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Bibliographische Angaben zur Publikation

Arbeitsunfähig zu Reha-Beginn - Und dann?

Vortrag auf dem 23. Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquium vom 10. bis 12. März 2014 Karlsruhe



Sammelwerk / Reihe:

Arbeit - Gesundheit - Rehabilitation


Autor/in:

Lühr, Torsten; Gerdes, Nikolaus; Kull, V.


Herausgeber/in:

Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV Bund)


Quelle:

Berlin: Eigenverlag, 2014, Seite 120-121


Jahr:

2014



Abstract:


Hintergrund:

Patienten, die - häufig aus einer längeren AU-Zeit heraus - arbeitsunfähig zur Rehabilitation kommen, stellen für die Kliniken insofern ein besonderes Problem dar, als Ärzte und Therapeuten sich einerseits der Erwartungen der Kostenträger bewusst sind, die Arbeitsfähigkeit wiederherzustellen, andererseits aber die klinische Erfahrung besagt, dass dies in vielen Fällen nicht gelingt. Vor diesem Hintergrund stellen sich unter anderem folgende Fragen: Ist die klinische Erfahrung möglicherweise durch selektive Wahrnehmung bedingt oder entspricht sie den Tatsachen? Gibt es - bezogen auf die arbeitsunfähig angereisten Patienten - systematische Unterschiede zwischen den arbeitsunfähig entlassenen und den arbeitsfähig beziehungsweise zur stufenweisen Wiedereingliederung entlassenen Patienten? Sind solche Unterschiede bereits im Eingangsprofil der Patienten erkennbar? Kann die Entlassungsform mit hinreichender Treffsicherheit aus Parametern prognostiziert werden, die bereits zu Reha-Beginn erhoben werden können?

Methodik:

Um diese Fragen beantworten zu können, haben wir alle Patienten unserer Klinik aus dem 1. Quartal 2013 in eine Pilotstudie einbezogen. Datengrundlage waren die Entlassungsberichte und die Daten aus dem Fragebogen 'Indikatoren des Reha-Status (IRES)', der im Reha-Klinikum seit circa 5 Jahren routinemäßig zu Beginn und am Ende der Reha-Maßnahme erhoben wird. Der Fragebogen wurde in Anlehnung an die ICF entwickelt und erfasst mit 144 Items die vier Dimensionen des somatischen, funktionalen und psychosozialen Status sowie des Gesundheitsverhaltens. In unserer Klinik wird der IRES zur Unterstützung der Eingangsdiagnostik und zu einem Monitoring der Ergebnisqualität eingesetzt. Einer der Vorteile des Instruments ist die Verfügbarkeit einer bevölkerungsrepräsentativen Normstichprobe, die benutzt wird, um die Skalenwerte der Patienten schweregradmäßig interpretieren zu können. Für die Pilotstudie wurden drei Vergleichsgruppen gebildet: Die erste Gruppe 'AF-AF' bestand aus den Patienten, die arbeitsfähig (AF) zur Rehabilitation gekommen sind und sie auch arbeitsfähig beendet haben. Der zweiten Gruppe 'AU-AU' wurden die Patienten zugeordnet, die bei Aufnahme und Entlassung arbeitsunfähig (AU) waren, und die dritte Gruppe 'AU-AF/SWE' bestand aus den Patienten, die bei Aufnahme ebenfalls AU waren, jedoch AF oder zur stufenweisen Wiedereingliederung (SWE) entlassen wurden. Diese drei Gruppen wurden im Hinblick auf die Eingangsbelastungen im IRES sowie die bei Reha-Ende erzielten Veränderungen miteinander verglichen.

Ergebnisse:

Der Gruppe 'AF-AF' wurden circa 55 Prozent der Rehabilitanden zugeordnet. Von den 45 Prozent, die AU zur Rehabilitation gekommen waren, wurde gut die Hälfte auch AU entlassen, während circa 40 Prozent zur SWE und knapp 10 Prozent AF entlassen wurden. Diese beiden letzten Gruppen wurden für die folgenden Analysen zusammengefasst. Die Eingangsbelastungen waren bei den AU angereisten Rehabilitanden auf den meisten Parametern hochsignifikant stärker ausgeprägt als bei denen, die zu Beginn AF waren. Die stärksten Unterschiede zeigten sich bei den Arbeitsunfähigkeitstagen in den vergangenen 12 Monaten, die in der AU-Gruppe vier Mal so hoch ausfiel wie in der AF-Gruppe, sowie bei der Funktionsfähigkeit im Alltag beziehungsweise im Beruf. Die signifikant niedrigere Eingangsbelastung in der AF-Gruppe bedeutet allerdings nicht, dass diese Patienten zu Reha-Beginn wenig belastet gewesen wären: Auch in dieser Gruppe lag der IRES-Summenscore bei circa 70 Prozent im extrem auffälligen Bereich unterhalb des 10. Perzentils in der Normstichprobe (in der AU-Gruppe traf dies auf 85 Prozent zu).

Bei den Vergleichen zwischen den beiden AU-Gruppen ('AU-AU' vs. 'AU-AF/SWE') zeigten sich sowohl im Hinblick auf die Eingangsbelastung als auch hinsichtlich der zu Reha-Ende registrierten Effekte hochsignifikante Unterschiede: Die Eingangsbelastung war auf allen untersuchten Parametern in der 'AU-AU' Gruppe deutlich höher ausgeprägt als in der 'AUAF/SWE' Gruppe. Die Effektstärken des Unterschieds lagen beim IRES-Summenscore, der Schmerzskala, dem somatischen Befinden sowie der Funktionsfähigkeit im Alltag beziehungsweise im Beruf fast im Bereich 'starker' Unterschiede. Hinsichtlich der zu Reha-Ende registrierten Veränderungen zeigten sich auch in der 'AUAU' Gruppe bei den meisten Parametern Verbesserungen mit Effektstärken, die als 'mittlere' Effekte zu interpretieren sind. In der 'AU-AF/SWE' Gruppe sind die Verbesserungen mit Effektstärken von 0,61 (Mobilität) bis 0,93 (Summenscore, somatisches Befinden, psychisches Befinden) noch einmal deutlich höher ausgefallen. Mittels einer multivariaten Diskriminanzanalyse wurde versucht, die Zugehörigkeit zu einer der beiden AU-Gruppen mittels der Eingangsbelastungen vorherzusagen. Zwar wurden 72 Prozent der Fälle richtig klassifiziert (79 Prozent AU-AU; 66 Prozent AU-AF/SWE); dieser Prozentsatz ist aber nicht ausreichend, um irgendwelche klinischen Konsequenzen aus einer solchen Prognose
ableiten zu können.

Diskussion:

Von den AU angereisten Patienten wurde etwa die Hälfte auch AU entlassen; sie waren zu Beginn im Durchschnitt deutlich stärker belastet und während der Reha-Maßnahme weniger erfolgreich als die Patienten, die AF oder zur stufenweisen Wiedereingliederung entlassen werden konnten. Insofern findet die Entlassungsform der AU angereisten Rehabilitanden eine rationale Erklärung in den Eingangsbelastungen und den erzielten Effekten der Patienten.


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Mehr zum Thema:


Sammelwerk '23. Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium: Arbeit - Gesundheit - Rehabilitation' | REHADAT-Literatur




Dokumentart:


Sammelwerksbeitrag / Forschungsergebnis




Bezugsmöglichkeit:


Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV Bund)
Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium
Homepage: https://www.deutsche-rentenversicherung.de/DRV/DE/Experten/R...

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/NV362240


Informationsstand: 17.04.2014

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