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Bibliographische Angaben zur Publikation

Planung für Menschen mit Behinderung: Teil A - Grundlagen

Gutachten zur Planung für Menschen mit Behinderung in der Landeshauptstadt Kiel



Autor/in:

Colla, Herbert E.; Krüger, Rolf; Tausendfreund, Tim [u. a.]


Herausgeber/in:

Landeshauptstadt Kiel - Amt für Familie und Soziales


Quelle:

Kiel: Eigenverlag, 2005, 168 Seiten: PDF


Jahr:

2005



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Abstract:


Von der Landeshauptstadt Kiel wurde erstmals am 15. Januar 1981 eine Planung für Menschen mit Behinderung herausgegeben ('Behindertenplan der Stadt Kiel'). Diese wurde in aktiver Mitarbeit der Organisationen für Menschen mit Behinderung erarbeitet. Der Anspruch bestand darin, Verbesserungen von Hilfen und Maßnahmen für Menschen mit Behinderung im öffentlichen und privaten Bereich aufzuzeigen. Es sollten Grundsätze festgeschrieben werden, '... die dann durch weitere detaillierte Planungen und konkrete Vorhaben schrittweise verwirklicht werden müssen' (LH KIEL 1981: 35). In diesem Rahmen wurden Barrieren hinsichtlich der Teilhabe von Menschen mit Behinderung am gesellschaftlichen Leben sowie Möglichkeiten zu deren Überwindung aufgezeigt.

Die von Sozialpolitik und Sozialer Arbeit als Bestandteile der Sozialordnung erbrachten Leistungen tragen dazu bei, die soziale Integration und Teilhabe von Menschen zu verbessern. Hauptaufgaben der Sozialordnung sind somit die Sicherung des sozialen Friedens, die Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit und Sicherheit für alle sowie die Gewährleistung sozialer Mindestbedingungen im Sinne der Humanität. Mit sozialen Maßnahmen soll allen ein menschenwürdiges Leben garantiert werden. Dazu werden Hilfen bei beeinträchtigenden Lebensumständen oder ungünstigen gesellschaftlichen Bedingungen erbracht, die darauf zielen, die persönliche und soziale Entfaltung zu einem eigenverantwortlichen und selbstbestimmten Leben zu ermöglichen (ANSEN 2005).

Von zentraler Bedeutung ist dabei die Chancengleichheit beziehungsweise -gerechtigkeit. Insbesondere 'Menschen mit Behinderung benötigen, um dieselben Lebensbedingungen zu erhalten, manchmal mehr Unterstützung durch die Gemeinschaft als andere Bürger. Diese Unterstützung darf nie als Privileg angesehen werden, sie ist ein Menschenrecht' (AGENDA 22: 12).

Solidarisches Handeln wird somit zum wesentlichen Pfeiler für das Gemeinwohl einer Gesellschaft. In der Bundesrepublik Deutschland stellt sich dieser Gedanke in Form grundlegender Bestimmungen der Verfassung und der Gesetze wie folgt dar:
- die Würde des Menschen ist unantastbar (Art.1 GG),
- die freie Entfaltung der Persönlichkeit zu einem selbstbestimmten Leben ist zu sichern und zu fördern (Art. 2 GG),
- kein Mensch darf aufgrund seiner Religion, seinem Geschlecht oder Behinderung benachteiligt werden (Art. 3 GG).

Kommunal- und Landesbehörden tragen die besondere Verantwortung, diese Rechte sicherzustellen. Dazu ist auch eine bewusste und systematische Planung notwendig. Diese soll die Fragen beantworten, inwieweit gesellschaftliche Lebensbedingungen verändert werden müssen, gesellschaftliche Institutionen beschaffen sein sollten und wie gesellschaftliche Güter zu verteilen sind, um soziale Gerechtigkeit und somit die Schaffung gleicher Lebensaussichten trotz der Erkenntnis, dass die Sicherstellung ausreichender materieller Lebensgrundlagen immer auch Fragen von Knappheit sowie Konflikte in sich birgt, als sozialethische Maxime herzustellen.

Die Agenda 22/Umsetzung der UN-Standardregeln auf lokaler und regionaler Ebene/Behindertenpolitische Planungsrichtlinien für kommunale und regionale Behörden basiert auf den von den Vereinten Nationen, auch als UN Standardregeln bekannten, Standard Rules on the Equalization of Opportunities for Persons with Disabilities. Sie wurde im Auftrag des European Disability Forum (EDF) in Schweden geschaffen und wendet sich an Politiker, Behörden und Organisationen von und für Menschen mit Behinderung, um gemeinsam als gleichberechtigte Partner eine Gesellschaft mit denselben Entwicklungsmöglichkeiten für alle BürgerInnen zu gestalten.

Planung bedeutet, 'eine methodische Handlungsvorbereitung durch systematische Informationsversuche,-auswahl und -verarbeitung, um wünschenswerte Entwicklungen zu erkennen, zu fördern und einzuleiten' (BERTHOLD 2002: 715). Die 'Agenda 22' dient der vorgelegten Planung zur Orientierung, leitendes Motiv ist die gleichberechtigte und selbstbestimmte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben von Menschen mit Behinderung in der Landeshauptstadt Kiel.

Planung für Menschen mit Behinderung hat die Aufgabe, die soziale Infrastruktur von Einrichtungen, Orten und sozialen Diensten einer Region darzustellen und einen Entwurf für die zukünftige Gestaltung dieser Struktur darzulegen. Über diese klassische Funktion von Planung hinaus ist sie immer mehr auch als kommunikativer Prozess zu verstehen, der unter Beteiligung der verschiedenen lokalen Akteure anstrebt, die hiermit verbundenen unterschiedlichen Interessen zu berücksichtigen.

In diesem Sinne knüpft die vorliegende Planung für Menschen mit Behinderung der Landeshauptstadt Kiel an die Planung für Menschen mit Behinderung aus dem Jahr 1981 an. Überdies gilt jedoch, die für derartige konkrete Planungen notwendigen Daten zusammenzutragen. Eine Festschreibung von Grundsätzen reicht nicht aus, wenn diese nicht durch konkrete Daten gefüllt werden, die Voraussetzung für die Umsetzung dieser Grundsätze sind. Hierzu leistet die aktuelle Planung einen Beitrag, indem sie bereits vorhandene Daten zusammenträgt, analysiert und aufzeigt, wo notwendige Daten für eine konkrete Planung fehlen.

Dieser Planung sollten sich Schritte:
1. des Datenabgleichs,
2. der konkreten Abarbeitung einzelner Handlungsempfehlungen und
3. der erneuten Datenerfassung anschließen.

Neben der Akquise statistischer Daten gehören zu den gängigen Methoden, die für die Bedarfsfeststellung verwendet werden, Erhebungsbogen, Experteninterviews und Workshops beziehungsweise Arbeitsgruppen. Die meisten empirischen Daten sind Querschnittsdaten, die schnell an Aktualität verlieren, weswegen die kontinuierliche Pflege derartiger Daten unabdinglich ist. Eine dynamische Analyse von Lebensverhältnissen, die Verläufe einzelner Gruppen und fokussierte Problemlagen u.a. in den Blick nimmt, ist in der Lage, die Verteilung von Ressourcen besser zu steuern und die gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sicherzustellen.

Kommunale Sozialberichterstattung als empirischer Anteil von Planung ist ohne Berücksichtigung der subjektiven Perspektive der beteiligten lokalen Akteure nicht vorstellbar. Die Identifizierung kommunaler Besonderheiten, dargestellt nach den verschiedenen Institutionen, nach lokalen Lebenslagen und sozialen Gruppen, ist wesentlicher Bestandteil einer derartigen Planung. Dies setzt ein leistungsfähiges Wissensmanagement vor Ort voraus, das über die lokale Situation Auskunft zu geben vermag. Die Planungsaufgabe der Kommune besteht darin, zu einer infrastrukturellen Verteilungsgerechtigkeit beizutragen.

Die programmatische Formel des 'Europäischen Jahres für Menschen mit Behinderung 2003': 'Teilhabe verwirklichen, Gleichstellung durchsetzen und Selbstbestimmung ermöglichen' erhebt den Anspruch, auf sozialpolitischer, regionaler, lokaler und individueller Ebene eine gleichgestellte, selbstbestimmte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben von Menschen mit Behinderung zu ermöglichen. Sie formuliert damit auch Anforderungen an eine kommunale Planung für Menschen mit Behinderung zu überprüfen, wo strukturelle Barrieren bestehen, die eine gleichgestellte, selbstbestimmte Teilhabe von Menschen mit Behinderung am gesellschaftlichen Leben behindern.

An der Förderung der Teilhabe von Menschen mit Behinderung am gesellschaftlichen Leben beteiligen sich Bund, Länder, Kommunen, Freie Träger, Verbände, Kirchen, Vereine, Parteien und ihre MandatsträgerInnen, engagierte Einzelpersonen sowie andere Interessenvertretungen. Sie alle sind Teil der Sozialordnung und tragen dazu bei, die Lebens- und Alltagssituation und somit die soziale Integration und Teilhabe von Menschen mit Behinderung zu verbessern.

Handlungsbedarf auf dem Weg zur Chancengleichheit zeigt sich immer am deutlichsten auf lokaler Ebene. 'Oft sind es Missstände vor Ort, Barrieren in der unmittelbaren Umwelt (und in den Köpfen), die manchmal auch gegen Widerstände kommunaler Akteure abgebaut werden müssen' (AGENDA 22 2004:5). Darüber hinaus lassen sich reale Selbstbestimmungsund Teilhabemöglichkeiten von Menschen mit Behinderung nicht an Gesetzestexten und politischen Deklarationen messen, sondern an den Verhältnissen der sich jeweils lokal zeigenden realen Lebensverhältnisse. Die Beschreibung und Diagnose des Ist-Zustandes ist erste Voraussetzung für die Planung einer sozialen Stadt, die eine umfassende Teilhabe für Menschen mit Behinderung anstrebt.

Das European Concept for Accessibility (ECA dt. Europäisches Konzept für Zugänglichkeit) hebt für eine derartige Diagnose drei übergreifende Aspekte vor:
1. Bevölkerung
2. Umwelt
3. Management (ECA 2005: 62)

Die vorgelegte Planung versteht sich als ein Baustein einer Gesamtsozialplanung, die Planungen angrenzender Fachgebiete (Pflegebedarfsplanung, Suchthilfeplanung, Psychiatrieplanung, Jugendhilfeplanung etc.) umfasst. Sie wurde im Auftrag der Landeshauptstadt Kiel erstellt und die Handlungsempfehlungen sind dementsprechend in erster Linie an die Auftraggeberin gerichtet.

[Aus: Information des Herausgebers]


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Mehr zum Thema:


Teil B: Teilhabe und Barrierefreiheit
Teil C: Leitlinien und Handlungsempfehlungen




Dokumentart:


Graue Literatur / Online-Publikation




Bezugsmöglichkeit:


Landeshauptstadt Kiel - Amt für Soziale Dienste
Leitstelle für Menschen mit Behinderung
Homepage: https://www.kiel.de/de/politik_verwaltung/service/_organisat...

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/NV3576A


Informationsstand: 12.01.2006

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