Inhalt

in Literatur blättern

  • Detailansicht

Bibliographische Angaben zur Publikation

Alltagsrelevanz von Teilhabe im Sinne der ICF im Rahmen der Behandlung auf psychiatrischer Akutstation

Inaugurial-Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Medizin der Medizinischen Fakultät



Autor/in:

Scholdei-Taut, Heinke


Herausgeber/in:

Universität Tübingen - Medizinische Fakultät


Quelle:

Tübingen: Universitätsbibliothek, 2019, 126 Seiten: PDF


Jahr:

2019



Link(s):


Ganzen Text lesen (PDF | 3 MB)


Abstract:


Die stationäre Therapie von psychisch kranken Patientinnen und Patienten in Deutschland stellt die Behandlerinnen und Behandler oftmals vor nachhaltige Herausforderungen; Chronifizierungen sind häufig und nach Entlassung kommt es immer wieder zu Rückfällen.

Ein Ansatzpunkt, um hier Verbesserungen zu erreichen, könnte die zusätzliche Betrachtung von weiteren sozialpsychiatrischen Aspekten im Rahmen der stationären Behandlung auf der psychiatrischen Akutstation sein. Obwohl eine soziale Teilhabe von psychisch Kranken - die Teilhabe an Bildung und Ausbildung, an sozialen Basisbedingungen wie Familien- und Freundschaftsverhältnissen und Partnerschaften sowie die Teilhabe an sozialrechtlicher Unterstützung und an der Gesundheitsversorgung - in § 27 der UN-Behindertenrechtskonvention festgeschrieben ist, kommen diesbezügliche Rehabilitationsangebote häufig nicht ausreichend bei den Betroffenen an. Vorstationär bestehende defiziente Strukturen lassen die Patientinnen und Patienten nach vorübergehender stationärer Stabilisierung über kurz oder lang schließlich wieder dekompensieren.

In der vorliegenden Arbeit wurde der Therapieprozess anhand von Zielkriterien der ICF bezüglich sozialer Teilhabe mit strukturiert und die von der Patientin oder dem Patienten wahrgenommene Veränderung im Bereich der sozialen Teilhabe im Verlauf der stationären Therapie gemessen. Auch wurde evaluiert, ob sich durch diese zusätzliche Einbindung und Berücksichtigung der Teilhabekriterien die Bewertung des Therapieprozesses durch die Patientin oder den Patienten und auch ihre bzw. seine Zufriedenheit mit diesem verbesserte. Zur Erhebung wurde der Fragebogen WHO DAS 2.0 verwendet, welcher die ICF-basierten Domänen der sozialen Teilhabe abbildet. Die erste Messung erfolgte im Rahmen der Aufnahmeroutine zu Beginn des stationären Aufenthaltes. Therapiezielplanung und Therapieprozess fanden unter Einbindung der Domänen der sozialen Teilhabe statt. Vor Entlassung wurde erneut eine Exploration mittels WHO DAS 2.0 durchgeführt. Zusätzlich wurde in die Entlassbefragung ein Kurzfragebogen aus ausgewählten Items des TÜBB, in die Befragung integriert, um von jeder Patientin oder jedem Patienten eine subjektive Bewertung der Aufenthaltsqualität zu erheben.

Es zeigte sich, dass die Therapiezielplanung gemäß WHO DAS 2.0 nur in spezifischen Subgruppen von Patientinnen und Patienten einen Effekt hat, und zwar in klar abgrenzbaren Domänen des WHO DAS 2.0: Am ausgeprägtesten wirkte sich die modifizierte Therapiezielplanung auf die Kompetenzen der Patienten in den Aktivitäten des täglichen Lebens (Bewältigung von Haushaltstätigkeiten und Tätigkeiten in Arbeit bzw. Schule) aus, und zwar am stärksten bei weiblichen Patientinnen sowie bei Patienten auf der Depressionsstation. Die geringsten Verbesserungen zeigten sich bei Patientinnen und Patienten der Suchtstation. Dies korreliert einerseits mit dem hohen Chronifizierungsrisiko und der schwierigen Herstellung sozialer Teilhabe bei Patientinnen und Patienten mit Abhängigkeitssyndromen. Andererseits wird auch der im Durchschnitt deutlich höheren Liegedauer von Patientinnen und Patienten mit Depressionserkrankung gegenüber Patientinnen und Patienten mit Abhängigkeitserkrankung ein Effekt zugeschrieben.

Eine Untergruppe von Patientinnen und Patienten - jene, deren Abschneiden in den Domänen des WHO DAS 2.0 sich jeweils im oberen Quartil der Patientenpopulation befanden - zeigte auch eine Verbesserung in Domäne 1 (Verstehen und Kommunizieren) sowie im Gesamtabschneiden laut WHO DAS 2.0, und zwar insbesondere, wenn sich diese Patienten auf der Depressionsstation befanden und der mittleren Altersgruppe zwischen 31 und 50 Jahren zugehörig waren. Dies ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass eine Subgruppe der Altersgruppe von 31 bis 50 Jahren eine erfolgreichere Bildungskarriere hinter sich hat als Patientinnen und Patienten in jüngeren Altersgruppen, und noch keine altersbedingte Verschlechterung eingesetzt hat.

In der vorliegenden Arbeit wurden Merkmale von Patientinnen und Patienten identifiziert, die prädiktiv für ein gutes Ansprechen der hier beschriebenen Intervention sind. Dies sind weibliches Geschlecht, mittleres Lebensalter sowie die Diagnose einer Depression. Eine Berücksichtigung dieser Ergebnisse könnte zukünftig bei der Durchführung der Intervention in anderen Kohorten im Kontext der Therapieplanung zu einer Effizienzsteigerung beitragen. Es konnte außerdem anhand des TÜBB gezeigt werden, dass die veränderte Therapiezielplanung eine Verbesserung der Bewertung der interdisziplinären Zusammenarbeit auf der Station sowie des Gesamtaufenthalts durch die Patientinnen und Patienten und somit auch eine gesteigerte Zufriedenheit zur Folge hatte. Wenn dies auch kein Maßstab für die nachfolgende soziale Teilhabe sein kann, so ist es jedenfalls ein relevanter Wert für die Therapie an sich und könnte sich positiv auf die Bereitschaft von Patientinnen und Patienten zu erneutem Kontakt mit Institutionen der Gesundheitsversorgung auswirken und den Krankheitsverlauf somit positiv beeinflussen.

[Aus: Autorenreferat]


Weitere Informationen:


Schlagworte:
Informationen in der ICF:


Dokumentart:


Graue Literatur / Forschungsergebnis / Online-Publikation




Bezugsmöglichkeit:


Universitätsbibliothek der Universität Tübingen
Homepage: https://publikationen.uni-tuebingen.de

Um Literatur zu beziehen, wenden Sie sich bitte an Bibliotheken, die Herausgeber, den Verlag oder an den Buch- und Zeitschriftenhandel.



Referenznummer:

R/NV2944


Informationsstand: 06.05.2019

in Literatur blättern